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16. - 27. Maerz 2008
Wieder einmal geht es auf Reisen mit meiner chinesischen Freundin Olivia. Diesmal hat sie eine Reiseroute ausgesucht, bei der wir die drei Provinzen Zhejiang, Anhui und Jiangsu und zusaetzlich Shanghai streifen. Viel Sehenswertes steht auf dem Programm, Olivia hat ein sehr knappes Budget kalkuliert und ich bin nach unserem Sichuan-Trip letztes Jahr auf einiges gefasst, was Unterkunft und Sanitaereinrichtungen betrifft.
1. Tag: Guangzhou - Hangzhou (Zhejiang-Provinz) 70 Prozent Rabatt fuers Flugticket erlauben es uns mit
dem Flugzeug nach Hangzhou zu reisen. Nach knapp 2 h Flugzeit bringt uns
der Shuttlebus und dann ein Taxi
ins Hotel. Wendy, die uns fuer die naechsten 7 Tage
begleiten will, wartet bereits auf uns. Wir haben ein Zweibett-Zimmer
und die beiden Maedels teilen sich ein Bett. Das Zimmer stinkt
fuerchterlich nach kaltem Rauch, aber das kann einem auch anderswo
passieren. Wir haben eine Dusche und warmes Wasser rund um die Uhr. Wir fahren mit dem Taxi in die Hefang-Street, das ist eine Souveniermeile, mit allem was ein Touristenherz begehrt und eine Fressmeile, mit den verschiedensten Leckereien - unter anderem geniessen die Maedels Hasenkoepfe und wir probieren das beruehmte "Bettlerhuhn". Die Nacht ist nicht so prickelnd, da ein Ehepaar sich lauthals streitet, so dass Olivia halb drei die Rezeption anruft, um diese Ruhestoerung zu unterbinden - mit Erfolg! 2. Tag: Westsee in Hangzhou (Zhejiang-Provinz)
Hangzhou hat 6,4 Millionen Einwohner und ist die Hauptstadt der Provinz Zhejiang. Im 12. Jahrhundert war Hangzhou sogar einmal die Hauptstadt Chinas. Der Westsee (Xi Hu) ist die Perle Hangzhou's - diese fiel naemlich vom Himmel beim Streit zwischen einem Drachen und einem Phoenix und der Himmelsgoettin - und so entstand der Westsee. Trauerweiden in zartem Gruen saeumen fast jeden Weg des Westsees und die Magnolienbaeume bluehen. Die Sonne laesst sich zwar an diesem Tag nicht blicken, vielleicht wirkt gerade deshalb alles so maerchenhaft. Mit dem Boot lassen wir uns auf die Insel Gushan bringen und duerfen uns fuer 20 RMB Eintritt auch auf dieser umschauen. Dann lassen wir uns auf einen Deal mit einer Touristenfaengerin ein. Fuer 10 RMB will sie uns mit dem Taxi zu den Teeplantagen bringen. Unterwegs halten wir zweimal an und sie fuehrt uns im Eiltempo zu einem Lotusteich und einem Tempel. Wir fragen uns, was fuer ganze 10 RMB (ein normales Taxi haette 15 RMB gekostet) noch alles dabei ist und wo der Haken ist.
Von einer nicht ganz so kommerziell wirkenden Frau lassen wir uns dann ihr Teeanbaugebiet zeigen. Sie erklaert uns, dass nur die obersten drei hellgruenen Blaetter mehrmals im Jahr geerntet werden. Danach verabschieden wir uns ganz nett, da wir jetzt Mittagessen gehen wollen. Aber auch da hat sie eine tolle Idee. Sie kocht fuer uns! Wir handeln die Preise aus und kosten den Drachenbrunnentee, der nur was kostet, wenn wir keinen Tee kaufen. Es klingt fair, wir haben eine herrliche Aussicht von ihrer Terasse aus auf die Teeplantagen, das Essen schmeckt und der Tee... naja ich mag nunmal keinen gruenen Tee. Den restlichen Tag verbringen wir am Westsee und abends gehen wir den beruehmten suess-sauren Westlake-Fisch (Xihu cuyu) essen. Olivia bemaengelt, wie man nur den Eigengeschmack so abtoeten kann anstatt ihn lediglich zu unterstreichen. Sie hat recht, der Fisch schmeckt fuerchterlich nach Essig. Die zweite Nacht im Hotel wird angenehmer, das Zimmer ist ausgelueftet und das streitende Ehepaar hat sich versoehnt oder ist ausgezogen. 3. Tag: Wuzhen (Zhejiang-Provinz)
Eine Auffuehrung auf der Dorfplatz-Buehne wird angekuendigt, findet aber nicht statt.
Ich hab schrecklich Kopfweh, da in Wuzhen unser Zuspaetkommen bestraft wurde, in dem Olivia und ich auf den unbequemen Notsitzen im Zwoelferbus Platz nehmen mussten. Mein Minimalgepaeck erweist sich wie immer als sauschwer. Ich frage mich, wieso mein Tagesausflugs-Rucksack genauso gross und schwer ist, wie Wendys gesamtes Reisegepaeck? Genervt warte ich das Veranstaltungsende ab und wir gehen auf den Billig-Seiden-Markt. Abends kaufen wir im Supermarkt noch Fruehstueck fuer die naechsten Tage auf dem Berg ein. 4. Tag: Qiandao Lake (Zhejiang Provinz) 6.15 Uhr werden wir im Hotel in Hangzhou von einem Tourguide abgeholt. Mit dem ganzen Gepaeck ziehen wir um etliche Haeuserecken, um dann fast eine Stunde auf den Bus zu warten. Nicht dass der Verspaetung hatte, wir waren nur dank meiner Draengelei puenktlich in der Hotellobby erschienen. Da das von Chinesen nicht erwartet wird, werden von den Reisebueros solche zeitlichen Sicherheitsspannen eingebaut. Das hatte ich nun davon. 150 km suedwestlich von Hangzhou sehen wir den riesigen Qiandao-Stausee - aber nur von weitem. Erstmal Perlen-Shopping-Veranstaltung. Ich erwaehnte ja bereits: Wer billig reisen will, muss das in Kauf nehmen.
In den Fluten des Sees versank auch die 1.800 Jahre alte Ortschaft Chun'an. Fuer die naechsten Jahre ist geplant, dass Touristen mit einem U-Boot diese Stadt im See besichtigen koennen. Wir besuchen das Schloesser-Museum auf Lock-Island,
das Vogelparadies auf Bird-Island, koennen nichts besonderes
ausser einer modernen Toilette im Kinder-Paradies auf Children-Island
finden und betreten noch Unnamed Island -die Insel ohne Namen. Es geht zurueck zum Schiff. Mittagessen haben wir keins bestellt, das kostet extra und wir sympatisieren mit Wendy, die knapp bei Kasse ist. Die Maedels verspeisen einen Teil ihrer Toastbrote und ich hoffe auf den Abend.
Dann legen wir auf der Schlangen-Insel an. Ich habe keine Lust und bleibe auf dem Boot und geniesse die Sonne. Es geht retour zum Ausgangspunkt und wir steigen um auf ein Linien-Boot, was sich durch die tausend Inseln schlaengelt. Wir schliessen Wetten ab, ob der Captain links oder rechts vorbei faehrt.
Irgendwann geht der See in den Xin'an River ueber und wir verlassen die Provinz Zhejiang und kommen in die Provinz Anhui. Links und rechts ziehen herrliche Berglandschaften, Rapsfelder oder besser Rapsflecken und kleine Doerfer vorbei, deren Haeuser unfertig aussehen. Immer wieder begegnen uns kleine Fischerboote. Die Sonne scheint und ich kann mich auf Deck nicht satt sehen an den Landschaften und der Natur.
Am Fusse des Yellow Mountain (Huangshan) beziehen wir Quartier. Jeder hat sein eigenes Bett, aber die Dusche ist nicht zu gebrauchen. Der Duschkopf kommt provisorisch zwischen Toilette und Waschbecken aus der Wand. Da eh kein heisses Wasser kommt, spielt das keine Rolle. Nach 23.00 Uhr hat Olivia mit ihrer Beschwerde Erfolg, der Heizkessel ist wieder gefuellt und es kann geduscht werden. Ich schlafe schon.
5. Tag: Huangshan-Yellow Mountain (Provinz Anhui) Heute geht es auf den Berg, auf dem wir auch uebernachten wollen. 6.15 Uhr wollen wir aufstehen, aber 5.15 Uhr haemmert es an unsere Tuer. Das scheint der Weckruf fuer die Gaeste zu sein, die Fruehstueck bestellt haben. Aber das kostet 10 RMB extra und wir haben ja unser trocken Brot aus dem Supermarkt mitgebracht. Ist mir relativ egal, solange ein Wasserkocher im Zimmer mir meinen Instant-Kaffee morgens sichert. Das Besuchs-Ticket fuer den Yellow-Mountain kostet 200 RMB und die Seilbahn fuer die erste Haelfte des Berges, der nicht so interessant ist, kostet 65 RMB. Wir haben tolles Wetter und gute Sicht. Der gelbe Berg ist ein landschaftliches Symbol Chinas und ein Sprichtwort besagt: "Wenn man von den fuenf heiligen Bergen zurueckkehrt, hat man das Interesse an anderen Bergen verloren. Hat man hingegen den Gelben Berg bestiegen, hat man das Interesse an den fuenf heiligen Bergen verloren."
Die grotesken Felsen, von denen viele etwas darstellen, so z.B. der Affe der auf das Meer blickt, sind die zweite Besonderheit des Berges. Der Berg ist von steilen, teilweise gefaehrlichen Steintreppen mit mehr als 4.000 Stufen durchzogen. Unsere Anstrengungen werden mit herrlichen Ausblicken belohnt.
Noch eine Begegnung der anderen Art hatte ich mit zwei Deutschen. Die Zahl der Auslaender unter den Touristen hielt sich hier wirklich in Grenzen und als wir an dem einsamen Felsen mit dem schwindelerregenden Ausblick angekommen waren, treffen wir ein deutsches Ehepaar. Ich freue mich, etwas vertraut Klingendes zu hoeren und spreche den Mann an. Er reagiert nicht und ich sage nochmal: "Hallo, sie klingen so vertraut deutsch, darf ich sie was fragen?" Er arrogant: "Was wollen sie denn wissen?" Ich sage etwas verstoert: "Aeh, eigentlich nichts weiter, nur ob sie aus Deutschland kommen." "Na das wissen sie ja jetzt!" und dreht sich wieder weg. Ich entschuldige mich laut und flapsig dafuer, dass ich ihn angesprochen habe. Der Dialog hat mich lange beschaeftigt. Ist das der Umgang deutscher Touristen im Ausland? Wie kann man nur so unhoeflich und arrogant sein, wenn man 10.000 km von der Heimat entfernt von einem Landsmann angesprochen wird.
Wir schlafen im Gang der Herberge in Doppelstockbetten
mit voellig verkeimter und muffiger Bettwaesche, aber dafuer direkt mit
Blick Richtung Sonnenaufgang. Ich schlafe auf meinem Regenmantel, in
meiner Wetterjacke. Mir krabbelt es ueberall, ich ziehe mir die Kapuze
meiner Wetterjacke ueber den Kopf und mag die Zudecke eigentlich gar
nicht anfassen. Es ist so kalt hier oben und durch die grosse
Fensterfront und das undichte Dach pfeift und klappert es, denn draussen
stuermt und giesst es inzwischen in Stroemen.
6. Tag: Huangshan-Yellow Mountain im Nebel Irgendwie habe ich doch ein paar Stunden geschlafen und werde morgens durch rege Betriebsamkeit auf unserem Gang, wo wir als Ausstellungsstuecke liegen, geweckt. Aber es ist so neblig, dass man keine 20 m gucken kann. Also haben wir ja Zeit, denke ich. Ich sehe zum Glueck erst jetzt, wie verkeimt der Teppich ist - egal, die Nacht ist ueberstanden. Als ich vom Waschraum zurueckkomme, sitzen drei Maenner auf meinem Bett und starren in den Nebel Richtung Sonnenaufgang. Ich mache einen Scherz ueber diese Situation, den Olivia aber als Aufforderung versteht, etwas dagegen zu unternehmen. Die drei springen auf und nicken mir laechelnd mehrmals zu. Da ich aber sicher nicht vor hatte, wieder in mein Bett zu kriechen, fauche ich Olivia an, dass es lediglich ein Scherz war und sie sich nicht immer gleich kuemmern soll. Meine Ungerechtigkeit tut mir natuerlich sofort leid und ich entschuldige mich bei ihr. Aber irgendwie ist das nicht mein Morgen.
Die anderen tun mir leid, sie sind 3.30 Uhr
aufgestanden, um dann 2 h im Regen hier rauf zu stiefeln fuer NICHTS.
Uebrigens waren deren Unterkuenfte auch nicht besser.
Das Symbol des Huangshan stellt mit den unteren Aesten die ausgebreiteten Arme eines Menschen, der einen Willkommen heisst, dar. Zur Veranschaulichung hier ein geklautes Bild bei besserem Wetter (Foto links). Nach 3 h schweisstreibendem Treppenwandern im Regenmantel steht die Entscheidung an: Abstieg zu Fuss oder mit der Seilbahn. Fuer mich keine Frage, ich hab es eigentlich satt und meine Waden auch. Aber das kostet weitere 65 RMB, die Wendy nicht ausgeben will. OK, alle oder keiner. Aber dann spricht Olivia ein Machtwort, sie und ich nehmen die Seilbahn. Wir sind dann irgendwann an einem Wasserfall, da kommt Wendy angerannt. Wenn das keine Leistung ist: 9 km treppab in 1,5 h. Hut ab. Sie ist fix und fertig, aber gluecklich. Shopping-Time! Diesmal geht es zur Teeverkostung. Gegen zwei sind wir wieder in unserem Hotel am Fusse des Huangshan, wo wir bereits vorgestern genaechtigt haben und der Nachmittag ist frei. Hurra! Fuer Olivia bzw. jeden Chinesen auf Reisen ist das vergeudete Zeit. Ihr Plan, bereits heute eins der altertuemlichen Doerfer zu besichtigen, fuer die wir morgen zu wenig Zeit haben, scheitert. Missgestimmt muss sie den Nachmittag ohne Aktivitaeten in Kauf nehmen. Wir haben alle pitschnasse Schuhe, klamme Klamotten und ich freue mich so auf eine heisse Dusche. Die Freude haelt nicht lange an, heisses Wasser gibt es fruehestens ab 19.00 Uhr. Nach dem Abendessen kann ich endlich duschen und setze das Badezimmer vollstaendig unter Wasser. Ein Mann kommt den Abfluss reparieren und ich bin endlich wieder sauber. 7. Tag: Hongcun und Xidi (Anhui Provinz) Halb acht fahren wir im Zwoelferbus vorbei an herrlichen Rapsfeldern nach Hongcun. Es ist neblig, aber es regnet nicht. Das Dorf mit den weissen Haeusern und den schwarzen Daechern ist aufgrund seines ausgekluegelten Bewaesserungssystems, das vor 500 Jahren von einem Bach bis vor die Tueren angelegt wurde, ein kunsthistorisches Erbe Chinas.
Bereits morgens halb zehn lassen wir Hongcun hinter uns und fahren weiter nach Xidi.
In einem Kraemerlaedchen erstehe ich ein Original des kleinen "Roten Buches" - die Mao-Bibel der Kulturrevolution von 1967. Damals in einer Milliardenauflage gedruckt, duerfte es wahrscheinlich nur Sammler- aber keinen Seltenheitswert haben. Am Nachmittag fahren wir mit einem grossen Reisebus zurueck nach Hangzhou. Es gibt Trouble mit dem Hotel. Spaeter erfahre ich, das der Vermittler sauer war, dass ein Auslaender (also ich) dabei war. Das Hotel waere nur fuer Chinesen. Ich glaube nicht, da das Lokalpatriotismus im Spiel war, sondern lediglich der Preis anders verhandelt worden waere. Die Maedels wollen sich wieder aus Kostengruenden ein Bett teilen, das wird nicht erlaubt, wir muessen ein Dreibettzimmer nehmen.
Ab
Abend treffen wir Lily aus Guangzhou. Wir gehen in ein schoenes
Restaurant und wie immer bestehen die Kantonesen auf die in dieser
Region unbekannte Prozedur des Geschirrwaschens, die immer damit
endet, dass
8. Tag: Suzhou (Jiangsu-Provinz)
auf Erden gibt es Suzhou und Hangzhou." (chin.Sprichwort) Der "Lion-Garden" und danach der
"Couple-Garden" sind unsere ersten beiden Ziele. Die reiche Stadt
erreichte den Hoehepunkt der Gartenkunst waehrend der Ming-Dynastie
(1368-1644) und in der Qing-Dynastie (1644-1911). In ihrer Bluetezeit
hatte Suzhou ueber 200 Gartenanlagen, von denen noch 69 erhalten sind.
Sie tragen teilweise trollige Namen, wie "Garten des ungeschickten
Beamten" oder "Garten des Herrn der Netze". Ehrlich
gesagt, sind diese kuenstlichen Gaerten wunderschoen, aber langweilig,
da sie irgendwie alle aehnlich sind.
Auf dem Schiff geht die Reise durch die Kanaele zwischen Altstadt und Neustadt. Danach geht es wieder zum Shopping in die Seidenfabrik. Olivia findet, dass es herrlich duftet und sie wuerde so gern die Seidenraupen essen. Nach der Mittagspause - es gab keine Seidenraupen- besichtigen wir noch den Hangshan Tempel und nach dem Perlenshopping den Beisi Tempel. Im Tempel wird unsere Gruppe zu einem Moench gefuehrt, der fuer uns betet. Dann waehlt er sechs Personen aus -darunter Olivia- die den Raum verlassen. Auf einmal beginnt er diese mannshohen Raeucherstaebchen zu verteilen und keiner traut sich, diese nicht anzunehmen. Na, wenn das mal nur aus reiner Naechstenliebe passiert, ich verlasse fluchtartig den Raum, um jeglicher Diskussion ueber den Kauf heilbringender ueberteuerter Staebchen zu entgehen. Draussen wartet Olivia auf ihre Privataudienz vor einem separatem Raum. Relativ schnell kommt sie wieder raus, da der Moench sie sofort unhoeflich wegschickt, als sie offenbart, dass sie kein Raeucherstaebchen kaufen will. Die 76 m hohe Pagode ist gleichzeitig Aussichtsturm und wir steigen hinauf, um den herrlichen Ausblick ueber Suzhou zu geniessen.
Zwischen Gemuesehaendlern, deren Waren auf einer Plane auf den Schutthaufen liegen, jonglieren wir unser Gepaeck bis zum Hotel. Mittlerweile auf das Schlimmste gefasst, werde ich relativ angenehm ueberrascht. Das Zimmer ist nicht schlechter und nicht besser als die bisherigen. Das Fenster ist zwar so dreckig, dass man nichts von der Aussenwelt erkennen kann... aber wer will das schon? Wir ziehen los, essen zuerst chinesischen Hamburger und Olivia kommt nicht an dem penetrant stinkenden Tofu vorbei. Wir wollen mit der Motorrad-Rikscha in eine traditionelle altertuemliche Strasse fahren und landen auf dem modernsten Shopping-Boulevard von Suzhou. Wo, wenn nicht hier, koennte ein Auslaender am Abend schon hin wollen, wird sich der Rikscha-Fahrer gedacht haben. Dort wollten wir nun gerade nicht hin und fahren zurueck zu unserer Geroell-Haufen-Strasse, wo uns ein mit Hahnekamm gestylter junger Koch im Wok ein ganz leckeres Abendessen zaubert. Der liess sich leider nicht fotografieren, aber das Essen war wie immer in so einfachen Gegenden Spitze. Die Leute sind mehr als freundlich, so als ob sie es honorieren, dass ein Auslaender hier uebernachtet, isst und an allem, was hier zubereitet wird, Interesse hat. 9. Tag: Zhouzhuang (Jiangsu-Provinz) - Shanghai
3.15 Uhr rattert vor unserem Fenster in Suzhou die Strassenbaumaschine los. Ich bin stocksauer, will aus dem Fenster schauen, aber durch diese Dreckscheibe sieht man ja nichts. 20 Minuten spaeter koennen wir weiter schlafen, Gott sei Dank. Wir haben einen Wasserkocher und das bedeutet fruehmorgens: Kaffee! Auf der Geroell-Haufen-Strasse wird ueberall irgendwas Leckeres zubereitet und Olivia und ich finden beide etwas fuer unseren doch sehr unterschiedlichen Fruehstuecks-Geschmack.
Die meisten Frauen tragen hier traditionell ein Handtuch auf dem Kopf und man kann ihnen bei den Handarbeiten zusehen. Aber ansonsten ist die Stadt ein ueberlaufenes und kommerziell ausgerichtetes Touristenziel, deren viele Minilaedchen mit allem moeglichen Kram vom eigentlichen interessanten Baustil ablenken. Die lokale Regierung will den Besucherstrom drastisch reduzieren und plant den Bau eines Freizeitpark im Stil einer chinesischen Wasserstadt, die dann die Touristen von Zhouzhuang ablenken und weglocken soll. Unsere Fuehrung ist Mittags zu Ende und wir haben 4 h Zeit, da wir nicht mit unserer Gruppe zurueck nach Suzhou fahren.
Am Bootssteg warten wir bis sich 8 Leute zusammengefunden haben, die mit uns zusammen ein Boot fuer 80 RMB mieten. Fuer einen Schein wuerde der Bootsmann auch ein Lied singen.
Danach kaufen wir noch die haltbare eingeschweisste Variante der Spezialität Zhouzhuangs: Schweinshaxe (Suti oder Wansan Ti genannt). Bevor die Haxen gebacken werden, liegen sie 24 h in einer speziellen Würze. Daher die rote, glänzende Farbe. Im Backofen warm gemacht - hmm, da kommen Heimatgefuehle auf. Unser Fazit: Zhouzhuang kann Xidi, Hongcun und Wuzhen nicht toppen. Nur wer die drei anderen Staedtchen nicht kennt, sollte hier her kommen.
Wir fahren
nach
Shanghai und werden dort bei Olivias Familie uebernachten,
was mir anfangs ueberhaupt nicht recht war. Erstens wollte ich keine
Umstaende machen und zweitens konnte ich wiedermal nicht einschaetzen,
was da so unterkunftstechnisch auf mich zu kommt. Ihr Onkel - ein
adretter Sechziger holte uns von der U-Bahn ab und meine zweiten
Bedenken loesten sich schon mal auf. Die Familie wohnt in einem modernen Hochhaus
und ich hatte sogar ein eigenes Zimmer.
Seine Frau hatte viele kalte Speisen angerichtet und es gab wiedermal eine Spezialitaet. Aehnlich der betrunkenen Shrimps in Hangzhou gab es rohe betrunkene Schnecken. Der Unterschied war, dass diese aus dem Glas im Supermarkt kamen und somit garantiert nicht mehr lebten. Da ich alles probieren sollte, kam ich auch um die Schnecken nicht drum rum. Also Augen zu und durch. Stolz es geschafft zu haben, sagte ich, dass sie sehr "crisp" schmeckten, was zu fragenden Blicken und dann zu grosser Erheiterung fuehrte. Ich hatte nur beobachtet, dass Olivia die ganze Schnecke in den Mund steckte, aber nicht, dass sie einen Teil wieder ausspuckte, naemlich die halbrunde glaeserne Schale und die darunter befindlichen schwarzen Ueberreste einer Schneckenverdauung. Igit! - danach habe ich auch keine Schnecke mehr ohne Schale probiert.
Ueber dem Zimmer befindet sich noch ein Raum gleicher Groesse, den man ueber eine Luke mit angestellter Leiter erreichen kann. Hier steht noch ein "Gaestebett". Ich erfahre, dass hier frueher 12 Familienmitglieder gelebt haben. Toilette gibt es keine und ich frage auch nicht weiter.
Am Abend will ich eigentlich Tante und Onkel zum Essen einladen um mich irgendwie fuer die Gastfreundschaft zu bedanken, aber wir treffen uns mit Olivias Schulfreundin und ihrem Mann, der sehr gut englisch spricht. Es wird ein sehr netter Abend.
Wir machen noch eine Stadtrundfahrt und ein weiterer Versuch, mich mit einer Einladung zum Mittagessen bei Olivias Verwandten zu bedanken, scheitert, da die Tante bereits alles vorbereitet hat u.a. die aus Zhouzhuang mitgebrachte "Schweinehaxe".
Ich sitze im Gang auf dem Klappstuehlchen und geniesse die Landschaft, solang es noch hell ist. Es ist Abendbrotzeit und der Schweissfussgeruch wird jetzt von dem der Instant-Nudeln verdraengt. Olivia liegt in ihrem Bett und so ist der Sitz mir gegenueber frei. Nacheinander kommen vier Chinesen, die an dem Tischchen die einzig wahre Zugverpflegung -eine uebergrosse "Fuenf-Minuten-Terrine"- geraeuschvoll in sich hinein schluerfen. Olivias Unterschlaefer schlaeft seit Fahrtantritt und macht Geraeusche,
die ahnen lassen, wie die Nacht wird. Noch machen wir und die
angrenzenden Abteile unsere Witze darueber. Als es dunkel wird, wacht das schnarchende Ungeheuer auf, um nach dem Verschlingen seiner Nudelterrine gleich wieder in den Schlaf zu fallen. Die Nacht wird sehr unruhig. Die Oberschlaefer schnarchen leise und gleichmaessig vor sich hin. Aber der Unterschlaefer klingt als ob er nach sekundenlangen Atemaussetzern seinen Kehlkopf verschlingen will. Teilweise sitze ich genervt im Gang und starre raus in die Dunkelheit. Scheinbar bin ich die einzige, die wach ist, Chinesen koennen bei jeder Geraeuschkulisse schlafen. Wieder im Bett ueberlege ich, ob ich etwas Wasser hinunter spritze, was ich mir aber nicht traue. Also klopfe ich nur mit meiner Wasserflasche an sein Bett oder reisse die Vorhaenge auf als wir in den hellerleuchteten Bahnhof in Pingxiang einfahren oder trete "ausversehen" auf seine Fuesse beim Hoch- und Runterkrackseln - alles vergebens. Nach 17 h Zugfahrt kommen wir in Guangzhou an und das Ungeheuer hat davon mindestens fuenfzehn Stunden geschlafen, ich hoechstens drei. Meinen strafenden Blick kann er garantiert nicht deuten. Egal, wir sind wieder daheim. Fazit Ich habe wieder viel gesehen von China, viel erfahren ueber China und viel erlebt in China. Unter Chinesen zu reisen, ist immer eine ganz besondere Erfahrung. Man kommt an Plaetze, die kein auslaendischer Tourist sieht und man kann ein Stueck vom wahren China kennenlernen. Das Verstaendnis fuer die Mentalitaet der Leute waechst, auch wenn man nach wie vor vieles lustig oder nervig findet.
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1. Tag: Guangzhou-Hangzhou 2. Tag: Hangzhou-Westlake 3. Tag: Wuzhen 4. Tag: QiangdaoLake 5. Tag: Huangshan sunny 6. Tag: Huangshan misty 7. Tag: Hongcun-Xidi 8. Tag: Suzhou 9. Tag: Zhouzhuang 10. Tag: Shanghai 11. Tag: Shanghai-Guangzhou
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